Kreuzkirche historisch: Junge Gemeinde der 50er Jahre

Vor 70 Jahre: Der Neuanfang der kirchlichen Jugendarbeit in der Kreuz-Kirchengemeinde.

In der NS-Zeit hatte man die kirchlichen Jugendgruppen gleichgeschaltet. Das bedeutete, dass es außer „Hitler-Jugend“ und „Bund Deutscher Mädel“ keine anderen Jugendgruppen geben sollte. Kirchliche Jugendarbeit, das bedeutete darum in der Nachkriegszeit, Ende der 40er-Jahre und Anfang der 50er-Jahre, ganz neu anzufangen. Und dazu berufen, wieder eine männliche Jugendarbeit in unserer Gemeinde aufzubauen, waren damals diese beiden Herren, die von den Jugendlichen auch „Woschu“ und „Pasting“ genannt wurden.

Diakon Schulz, Wolfgang, Woschu 1P.Mahlau, Walter 1

Diakon Wolfgang Schulz                                              Pastor Walter Mahlau

Die ersten „Jungscharler“ wurden auf der Straße oder in den Konfirmandenstunden angesprochen, und schon bald gab es mehrere Gruppen: Jungschar: Gruppe Bodelschwingh, Gruppe Claudius, Gruppe Luther. Jungenkreis: Gruppe Bach, Gruppe Luther Jungmännerkreis. Für die Gruppenstunden brauchte man einen Raum, aber der Konfirmandenraum am Pastorat war ausgebrannt. Doch dann gab es eine Idee: Der „Trümmerexpress“, eine Feldbahn, brachte Schutt aus der Innenstadt in das Wandsetal zwischen den beiden Friedhöfen Tonndorf und Hinschenfelde.

TrümmerexpressAlso machten wir uns auf den Weg, dort Steine zu bergen und zu entmörteln. Die Trasse der Feldbahn verlief zwischen der Kirche und dem Pastorat. Wir baten die Lokführer, auf der Rückfahrt unsere Steine mitzunehmen und bei der Kirche abzukippen. Die Jungen schafften es, genügend Steine zu bergen, mit denen dann der Konfirmandensaal wieder aufgebaut werden konnte.

 

ausgebranntes Pastorat/KonfirmandensaalIn diesem nun „Jugendheim“ genannten Bauwerk wurde unten in dem über eine Außentreppe zugänglichen Keller Tischtennis gespielt und geklönt, und oben gab es ein Büro für Woschu, einen Jungscharraum und einen Raum für den Jungmännerkreis. Damit gab es Raum für viele fröhliche und besinnliche Gruppenstunden, Besprechungen und Feiern. Viele Jugendliche kamen damals in die Kreuz-Kirchengemeinde. Das zeigen auch die heute kaum vorstellbar großen Konfirmandengruppen: Bei der großen Anzahl der Konfirmanden und Konfirmandinnen muss man allerdings berücksichtigen, dass das Einzugsgebiet der Kreuzkirchengemeinde damals wesentlich größer war. Nach und nach entstanden in Tonndorf, Jenfeld, Gartenstadt, Hinschenfelde selbständige Gemeinden.

  9Konfirmation P.Mahlau 1953

Konfirmation 1953

In einem Nachruf auf Woschu war in „Wandsbek-Informativ“ zu lesen: „Er hat den jungen Menschen wieder eine Perspektive gegeben, sie gefördert, und durch die Verkündigung der christlichen Botschaft geprägt.“ Ja, Woschu hat uns gefördert, indem er uns gefordert hat. Das Ankerkreuz der Jungscharler, das Kreuz auf der Weltkugel der Jungen Gemeinde, in einem Gottesdienst an den Revers der Jacke geheftet, waren uns eine Verpflichtung, Aufgaben zu erfüllen:  Als Laienspieler*innen, zunächst in kleinen, lustigen Märchen- und Nikolausspielen, danach auch in größeren, ernsten Theaterspielen und dem Krippenspiel. Mit einem Stück in englischer Sprache reisten wir sogar mit der Jugendgruppe nach England.

  

         Krippenspiel

Die Musik spielte eine wichtige Rolle. Man begann im Singkreis und wuchs dann langsam in den Kirchenchor hinein. Ja, auch das ist Zeitgeschichte: Auf der Einladung zum Krippenspiel wird darauf hingewiesen, dass in der Kirche geheizt ist! Damals keine Selbstverständlichkeit. Und für die Jungen war es beinahe selbstverständlich, dass man ein Blasinstrument in die Hand bekam, um im Posaunenchor mitzuwirken. Bläserinnen kamen erst Ende der 50er-Jahre hinzu.

50er-Jahre - 1 1958 erste Bläserinnen

Ab Oktober 1950 gab es für die männliche Jugendarbeit in der Gemeinde auch ein Monatsblatt: Zuerst zweiseitig, dann aber mehrseitig, und für die gesamte Jugendarbeit zuständig. Und diesen Monatsspiegel – später „Wächterruf“ genannt – gab es viele Jahre.

1.Jg. Okt.1950 Nr.1 b 1956

Zu den Höhepunkten im Jahreslauf der Jugendgruppen gehörte immer das jährliche Sommerlager.  Ein besonderes Erlebnis war oft schon die Anreise. Es gab nicht genügend Reisebusse. Deshalb fuhren wir oft, auf selbstgezimmerten Bänken sitzend, mit dem LKW des Kartoffelgroßhändlers Jobmann ins Sommerlager.

1950 Stocksee LKWFahrt

Der Tag beginnt im Zeltlager damit, dass die Bläser auf der Anhöhe stehen und als Weckruf ein Morgenlied erschallen lassen. Morgenwäsche im See und dann kommen alle zusammen zur Morgenandacht mit Luthers Morgensegen. Danach geht es zum gemeinsamen Frühstück am Küchenplatz. Jeweils eine Gruppe bleibt dann dort zum Küchendienst. Kartoffeln schälen für etwa einhundert hungrige Mäuler – das ist schon Arbeit!

Küchenplatz Stocksee     1952 Stocksee Aufbau Küchenplatz Stocksee

 

Wer keinen Küchendienst hat, geht bis zur Mittagszeit zur Bibelarbeit und zur Singestunde. Das Nachmittagsprogramm gestaltet jede Gruppe selbst. Nach dem Abendessen kommen wieder alle zusammen, jeweils eine Gruppe gestaltet das Programm am Lagerfeuer, den „Lagerzirkus“.

1955 - 2    Süsel 1948 - 6

1952 Stocksee Propst Hansen-PetersenDen Abschluss des Tages bildet die Abendandacht mit Luthers Abendsegen. Einige sitzen dann noch bis spät in der Nacht am Lagerfeuer und singen die alten Lieder. Oft erklingt dann dieses vermutlich in einem Feldlager des Dreißigjährigen Krieges entstandene Lied:„Jenseits des Tales standen ihre Zelte, zum hohen Abendhimmel quoll der Rauch. Das war ein Singen in dem ganzen Heere, und ihre Reiterbuben sangen auch.“ Oder auch dieses aus dem Riesengebirge stammende Lied: „Hohe Tannen weisen die Sterne an der Iser wildspringender Flut. Liegt das Lager auch in weiter Ferne; doch du Rübezahl hütest es gut.“

1955 Stocksee Schlauchboot 1955 Stocksee Zeltfeier1955 Stocksee Zeltbemalung

 

Und nach über 70 Jahren…..

Wer das miterlebt und mitgestaltet hat, der erinnert sich bis heute gern daran. So wie diese Gruppe, die sich jährlich einmal, manchmal von weither anreisend, in unserer Gemeinde trifft:

"Junge Gemeinde"Die Junge Gemeinde der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts“.

Text und Fotos: Klaus Schuldt